- Orkus Magazin (German)
Orkus:
Was war für Dich der Grund, dieses Projekt zu starten und welche Ideen verfolgst Du damit ?
Mathias Grassow:
Der Grund war einfach, daß ich künftig weniger Solo-CD's und mehr im Gruppen-Verbund machen will. Das gibt eine ganz andere Dynamik und nimmt einem das Image als introvertierter Eigenbrötler. Nach vielen Solo-CD's und fast reiner Ambient-Musik möchte ich mit Nostalgia etwas anderes starten; nebenbei bemerkt ist das nur eines von mehreren Projekten. Die Idee hinter Nostalgia ist ganz klar: Mehr Leute durch Musik erreichen, die nicht so 'speziell' ist, wie Ambient. Der 'Gothic-Touch' darin ist durchaus beabsichtigt, allerdings wollen wir nicht zu sehr in die 'Lacrimosa' Richtung gehen, falls Du verstehst, was ich meine. Ich persönlich kann mich da mehr mit der 'Dead can dance' und 4AD/Hyperium-Richtung identifizieren. Die Idee, mit meinem langjährigen Freund Rüdiger Gleisberg zusammenzuarbeiten fand hier einmal mehr ihren Niederschlag und ich möchte an dieser Stelle auch betonen, das NOSTALGIA sich mehr als Band, denn als bloßes Projekt und Eintagsfliege sieht.
Orkus:
In welcher Art und Weise erarbeitet Ihr bei Nostalgia neue Stücke ?
Mathias Grassow:
Da wir alle drei recht weit auseinanderwohnen, liegt es auf der Hand, daß wir uns basictracks Hin und Herschicken. Das klappt auch soweit ganz gut und wir behalten uns natürlich vor, auch mal gemeinsam ins Studio zu gehen. Nur will das alles finanziert sein und das hängt wiederum vom Erfolg des Debuts und dem damit verbundenen 'good will' des Labels zusammen. Momentan haben wir genug eigene Möglichkeiten, ein Album zu mischen und zu mastern.
Orkus:
Steht ein Konzept hinter diesem Album ? Woraus bedingt sich beispielweise die Verwendung auschließlich lateinischer Songtitel ?
Mathias Grassow:
Also, ein Konzeptalbum im eigentlichen Sinne ist " Arcana " nicht, aber wir möchten einfach einen Brückenschlag zwischen den modernen Möglichkeiten des Musikschaffens und klassischen Naturinstrumenten bilden, die Vorzüge beider Arten hervorheben und respektieren. So kann man sicher auch Carstens Trommeln und Jims Stimme sampeln, aber gerade das wollten wir nicht; sondern sie als eigenständige Elemente so naturgetreu wie möglich einbinden. Wir respektieren alle Arten von Musik der verschiedensten Ur-Völker und binden auch künftig das ein, was eben zu den Stücken am besten passt. Die Faszination liegt ganz einfach darin, daß z.B. die klassische indische Musik von einer Magie umgeben ist, die man einfach nicht beschreiben kann, sondern erlebt haben muß. Die Verbindung von Musik zu Naturmystik, Gott, Medizin und Philosophie ist bei den alten Völkern teils atemberaubend tiefgründig und von Weisheit erfüllt.
Das eben ist uns in der Moderne weitgehend abhanden gekommen. Musik dient in erster Linie nur noch als Unterhaltung, dient dem Kommerz und der bloßen Flucht aus der realen Welt. Wenn wir zum Nachdenken darüber und wenigstens ein bißchen einen Gegenpol dazu bilden können, hat Nostalgia sicherlich eine hochgesteckte Aufgabe und ein 'Konzept' erfüllt. Beeinflussung geschieht bei jedem von uns durch die persönliche Biografie, Erlebnisse, Hörgewohnheiten und einfach die Lust und Freude, sich durch Musik zu vermitteln.
Für uns ist Latein eine geheimnisvolle Sprache, mit einer einzigartigen Schwingung. Außerdem ist unsere Sprache mit lateinischem Vokabular durchsetzt. Nicht zuletzt auch soll dies eine Art Besinnung auf unsere Sprachkultur sein, denn die Anglizismen im deutschen Sprachgebrauch sind teils unerträglich. Mich persönlich verbindet mit Gothic und Latein sicher auch die Liebe zum Mittelalter, zu alten Bauwerken und alchemistischem Wissen. Jenseits von moderner Mittelalterromantik fühle ich mich stark mit dieser Zeit samt ihren Wirren und Widersprüchen verbunden.
Orkus:
Sowohl elektronische als auch natürliche Instrumente finden Verwendung - wie entsteht die Instrumentierung eines Stückes ?
Mathias Grassow:
Ich kann jetzt nur für das bereits vorhandene Album reden. Da hatten wir verschiedene Basis-Aufnahmen, die in etwa die Richtung eines Songs bestimmten. Dann feilten wir an dem Gerüst, um den Song kompakt, griffig und " anhörbar " zu gestalten und ihm " ein Gesicht " zu geben. Erst zuletzt mischten wir die Trommeln, Didgeridoo, Gesang etc. bei. So hatten wir viele Möglichkeiten des Experimentierens, bevor es ein Stück auf die Platte schaffte. Diese Arbeitsweise mag untypisch sein, aber sie gibt uns den meisten Freiraum Nostalgia lebendig zu gestalten und dem Unvorhergesehen einen Platz einzuräumen. Stillstand und Sterilität sind uns ein Graus und wir möchten uns auch in Zukunft nicht auf einen Stil oder Sound festlegen lassen.
Orkus:
Die CD spricht von der Verwendung von " Naturesounds ". Was ist darunter zu verstehen, bzw. wie kommst Du zu diesen Klängen ? Schneidest Du oft einfach Geräusche und Klänge in der Natur mit ?
Mathias Grassow:
Ich habe über viele Jahre alle möglichen sounds gesammelt - teils selbst aufgenommene, teils von Freunden, teils von Sample-CD's. Außerdem finde ich sehr reizvoll, Sounds ihrem natürlichen Umfeld zu entfremden. So kann man beispielsweise aus Horrorsampels wie Wolfsgeheul durchaus ein Streichinstrument oder eine Stimme basteln. Was wir im Einzelnen für Nostalgia verwendet haben, möchte ich nicht lüften - ganz dem Plattentitel entsprechend: " Aufgedeckte Geheimnisse werden alt ". Bei Nostalgia kommen viele Naturgeräusche zum Einsatz - in Zukunft vielleicht noch mehr.
Orkus:
Wie kommt es, dass Gemälde von William Turner Verwendung für das Artwork gefunden haben ?
Mathias Grassow:
William Turner ist einer meiner Lieblingsmaler und wir haben das Label angeregt, eines seiner Bilder zu nehmen. Sie sind sehr tiefgründig und zeugen von einem starken Bezug zur Natur. Auch die Ängste vor der Industrialisierung seiner Epoche gehen aus den Bildern deutlich hervor. Wir nehmen dies als dankbare Metapher für unsere Musik, denn die nur scheinbar widersprüchliche Verwendung von modernem Instrumentarium und archaischem Gedankengut ist eine Herausforderung, der wir uns gerne stellen. Die Verwendung von Synthesizern unter Respektierung der Kulturen und einem gewissen " zurück zur Natur " müssen sich nicht ausschließen.